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Sentres Magazin – Geschichte & Kultur

Vermisstensuche auf Zirog - Hanspaul erzählt.

Mitten in der Nacht vor, vielen Jahren, bricht der Bergrettungsdienst von Sterzing nach einem Notruf auf um 2 vermisste Skifahrer zu suchen.

Vor vielen Jahren führte ein Sessellift von Brennerbad zur Ziroger Alm, und mit einem Schlepplift ging’s weiter bergan bis unter die Flatschspitze. Das heute längst stillgelegte Skigebiet Zirog hatte bei den Skifahrern einen guten Ruf, auf den Pisten herrschte reges Treiben, und es hatte sich eingebürgert, dass wir Mitglieder des Sterzinger Bergrettungsdienstes – meist einfach kurz BRD genannt - an den Wochenenden den Ziroger Pistendienst versahen.

So waren wir eine ziemlich starke Truppe, die das winterliche Ziroger Gebiet gut kannte. Eines Abends, oder besser gesagt, eines Nachts - es ging wohl schon auf Mitternacht zu - läutet mich ein Freund - ebenfalls BRD-Mitglied - aus dem Bett und sagt, auf Zirog seien zwei Leute vermisst und der Hüttenwirt habe den Einsatz des BRD angefordert.

Wenig später treffen wir uns mit den anderen BRD-Leuten in Brennerbad zur Lagebesprechung. Dort steht auf dem großen Parkplatz ein verwaistes Auto, und man sagt uns, der Ziroger Hüttenwirt kenne die Besitzer, sie seien tagsüber oben skigefahren, aber später nicht mehr gesehen worden. Und da noch ihr Auto auf dem Parkplatz stehe, sei ein Unglück zu befürchten.

Und dann fahren wir mit dem eigens in Gang gesetzten Sessellift hinauf nach Zirog. Hier werden Leuchtraketen verteilt, Ernst, der BRD-Chef und Einsatzleiter, nimmt die Aufteilung der einzelnen Suchtrupps vor, der Hüttenwirt bestrahlt mit einem starken Scheinwerfer einen Teil des ausgedehnten Schneegeländes zwischen der Enzianhütte links und den "Kapuzinern" rechts, der Ziroger Alm unten und der Flatschspitze oben.

Wo die beiden Vermissten - wie gesagt zwei den Wirtsleuten gut bekannte Stammbesucher des Skigebietes - zu suchen wären, ist völlig unklar. Doch dass etwas geschehen sein muss, ergibt sich eben aus der Tatsache, dass ihr Wagen verwaist an der Talstation der Sesselbahn steht.

So holen wir die von unseren Pistendienst bestens bekannten Akias aus dem Schuppen - das sind so etwas wie kleine Einmannboote zum Abtransport von Verletzten, und nachdem der Sklepplift uns und die Akias bis unter die Flatschspitze gebracht hat, bevölkern die vielen Lichter der Stirnlampen die weiten Schneehänge - insgesamt wohl ein schöner Anblick, wäre es da nicht um die Suche von vermissten und vielleicht verunglückten Menschen gegangen.

Zwei der vielen Lichter sind die Stirnlampen von meinem Freund und mir, die wir mit dem Akia langsam in weit ausholenden Spitzkehren quer über die ausgedehnten nächtlichen Schneehänge gleiten - sehr langsam, immer wieder stehen bleibend, mit den Augen das Gelände absuchend, rufend, horchend. Unten bei der Ziroger Hütte lässt man ab und zu eine weiße Leuchtrakete steigen, die das ganze Gebiet eine kurze Weile in taghelles Licht taucht.

Überall sehen wir die Suchtrupps, die gleich uns jeden Meter des riesigen Gebietes förmlich unter die Lupe nehmen. So vergehen Stunden, doch die Suche bleibt vergebens. Die grüne Rakete, die signalisieren sollte, dass die Vermissten gefunden wurden, will und will nicht steigen.

Wo mochten die beiden Leute bloß geblieben sein? Nirgends finden wir eine verdächtige Skispur, nirgends ein Schneebrett, das die beiden verschüttet haben könnte. In uns wächst die Überzeugung, dass die beiden nicht hier oben auf den freien Schneehängen zu finden sein dürften, sondern unten im Wald - dass sie von der Skipiste abgekommen sind und an einer der vielen felsigen,  äußerst steilen Waldstellen verunglückt sind. Doch das "Gefunden" kommt auch von den dort Suchenden nicht.

Endlich dann, so gegen vier Uhr morgens, faucht von der Ziroger Hütte aus die blaue Rakete in den Himmel. Sie war das vereinbarte Signal zu einer Rast und Lagebesprechung. Und wenig später sitzen wir dann alle in der Gaststube, die Hüttenwirtin bewirtet uns mit heißem Tee, Weihnachtsgebäck und Zelten. Doch die Stimmung ist gedrückt. Wir sind müde, besorgt um die beiden Vermissten und enttäuscht, dass wir sie nicht gefunden haben. Selbst der vorzügliche Zelten will nicht so richtig schmecken.

Da steht Ernst, der Einsatzleiter, auf und sagt: "Wisst ihr was? Ich hab's mir überlegt, wir brechen die Suche ganz ab. Es hat im Moment keinen Sinn, sie fortzusetzen". Wir andern protestieren zwar mit dem Hinweis, dass wir noch gut und gern ein paar Stunden durchhalten würden. Ernst aber meint: "Das ehrt euch, Freunde, aber nein, nein, es genügt jetzt", und mit einem schelmischen, ganz und gar nicht zum Ernst der Lage und zur gedrückten Stimmung passenden Schmunzeln fügt er hinzu: "Dafür, dass es sich nur um eine Übung gehandelt hat, war euer Einsatz wirklich lobenswert, und lang genug gedauert hat das Ganze auch".

Betretenes Schweigen in der Stube, verdutzt schauen wir uns an. Was war das? Nur eine Übung? Es gab gar keine Vermissten? Doch als auch die Wirtsleute ihre gespielte Sorge durch ein vielsagendes Schmunzeln ersetzen und Ernsts Worte unterstreichen, wird uns klar, dass man uns gehörig "reingelegt" hat, dass man uns mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und stundenlang nach Vermissten hat suchen lassen, die es gar nicht gab.

Doch uns wurde schnell der Sinn des Ganzen bewusst, und so machte sich der zunächst aufkeimende Ärger in einem befreienden Lachen Luft. Klar, auch solche Übungen müssen sein.

Und als ich, wieder daheim, ein zweites Mal in die Kissen fiel, tat ich es mit dem Gefühl großer Zufriedenheit  - an jenem Sonntagmorgen nach der nächtlichen Suche zweier Vermisster, deren Existenz man uns nur vorgegaukelt hatte.

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