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Sentres Magazin – Genuss & Gastlichkeit

Törggelen

"Keschtnzeit" ade - es ist Zeit für einen Rückblick

Nun kann es niemand mehr leugnen – es ist Winter. Ganz plötzlich hat er uns überfallen, mit seinen wunderbar dicken, sich hartnäckig überall festsetzenden Flocken. Mal nebelgrau, mal schneeweiß ist die Patina, welche nun alles überzieht, in Stille hüllt. Eine Jahreszeit geht zu Ende, die nächste beginnt. Der Winter löst den Herbst ab. Und die Christkindlmärkte das Törggelen. „Keschtnzeit“ ade – es ist Zeit für einen Rückblick.

Törggelen – Versuch einer Definition

In Südtirol, wo sich Weinberge und Kastanienhaine vor alpiner Kulisse in die Arme fallen und so eine glückliche Symbiose eingehen, ist das Törggelen entstanden; ein lukullischer, geselliger, feuchtfröhlicher Brauch.

Wollte man Törggelen nun nicht-Südtirol-affinen Personen erklären, so besteht die Möglichkeit, aus verschiedenen Interpretations- bzw. Definitionsansätzen zu wählen.

Historisch betrachtet ist Törggelen ein alter Südtiroler Brauch. Die Erntehelfer aus der Nachbarschaft wurden von den Bauernfamilien als Dankeschön zur Marende geladen. Gemeinsam wurde der neue Wein verkostet und herzhaftes Essen aufgetischt. Im Anschluss darauf durften die gebratenen Kastanien nicht fehlen.

Etymologisch betrachtet ist Törggelen ein Begriff, der von „torquere“ abgeleitet wird, also von „drehen“, „pressen“, was sich auf die Arbeit an der Weinpresse, der „Torggl“, bezieht. Die Meinung, dass “törggelen” von „torkeln“ herrührt, ist weit verbreitet, aber falsch. Wobei unkoordinierte Bewegungen sicherlich ein häufig auftretender Nebeneffekt dieser kulinarischen Ausschweife sind.

Ökonomisch betrachtet bedeutet Törggelen busseweise Rundreisetouristen, die in so kurzer Zeit wie möglich so viel als möglich erleben (konsumieren?) möchten. Quantität vor Qualität.

Tatsächlich? Ist Törggelen wirklich nur noch das touristische Abbild eines archaischen Brauchtums? Ökonomische Ausschlachtung? Folkloristische Veranstaltung? Handwarmer Vernatsch, literweise?

Oder hat sich in der vergangenen Törggelesaison doch noch mancherorts dieses urige, reizvoll authentische, dieses wahre Törggelen erleben lassen?

Das echte Törggelen

In einer dunklen, knarrend nostalgischen Stube eines geschichtsträchtigen Bauernhauses in Villanders gibt es das noch. Das Echte. Das Originale. Beim „Johannser“. „Törggelen – das passt nur in eine gemütlich heimelige, familiäre Atmosphäre“, ist Bäuerin Michaela Brunner überzeugt. „Deshalb bieten wir Törggele-Abende einzig in unserer kleinen getäfelten Stube.“
Ganz nach dem Motto „wenn voll isch, isch voll“, sozusagen.

Das Törggelen habe regelrecht geboomt in den letzten Jahre, erzählt sie. Und wie immer lauert die Massentourismusfalle – mit geringerer Qualität zu einem höheren Preis. Doch davon möchte man sich beim „Johannser“ fernhalten. „Qualität muss sein, sonst wird Südtirol unglaubwürdig. Unsere Gäste wissen zu schätzen, was sie bei uns bekommen. Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft ehrliche Werte wie Güte und Authentizität wieder groß geschrieben werden."

Ein paar Strahlen der letzten Sonne fallen durch das winzige Fenster. Fallen auf den gläsernen Weinkrug. Rote Lichtpunkte tanzen auf dunklem Gebälk. Schüttelbrot kracht wenn es mit der Faust zertrümmert wird. Törggelen passt zum „Johannser“. Törggelen gehört nicht in edle Restaurants. Gebratene Kastanien passen in Stuben, in Buschenschänke. Allerhöchstens noch auf eine Alm.

Das Törggele-Experiment

Die Gompm Alm ist bekannt für das abwechslungsreiche Unterhaltungsprogramm, welches hier das ganze Jahr über geboten wird. Und auch törggelen kann man hier – „Törggelen einmal anders“. „Hier wird ein uriger Brauch neu interpretiert“, lacht Helmut Gufler, der Hüttenwirt. „Einfach nur törggelen kann man schließlich überall. Und es ist immer dasselbe. Bei uns werden traditionelle Gerichte neu definiert. Hier wird experimentiert.“

Kastanien- oder Kürbiscremesuppe im Glas als Appetitanreger, Sauerkrautlasagne, Teigtaschen mit Trüffel und Ähnliches kommen bei den Gästen sehr gut an. „Die wünschen sich so etwas – ein kreatives, verspieltes, Gourmet-Törggelen. Tradition, ja – aber auch neue Einflüsse und Ideen müssen ihren Platz finden.“

Im Hintergrund Jazzmusik. Bluesklänge. Schräge Volksmusik. Auch das ist Törggelen in Südtirol.

Und dazwischen?

Die Geschichte des Wassererhofs oberhalb von Atzwang im Eisacktal führt auf das Jahr 1366 zurück. Vor einigen Jahren, in zweijähriger Bauzeit, geplant von der Terlaner Architektin Sylvia Hafner Polzhofer, wurde das alte Gemäuer in harter und hingebungsvoller Arbeit renoviert. Dabei wurden bestehende Teile mit neuen Elementen behutsam verbunden. Alt trifft Neu. Uriges auf Trendiges.

Doch auch Andreas Mock ist der Meinung: “In Zukunft wird man sich, auch was das Törggelen betrifft, wieder auf Qualität besinnen. Mit Törggele-Massenabfertigungen wird sich keiner mehr zufrieden geben. Wir bieten lieber eine kleine Auswahl, dafür aber echten Geschmack. Wir verwenden nur Qualitätsprodukte und bereiten unsere Gerichte mit viel Liebe zum Detail zu.”

Kastanien im Trend

Vielleicht ist die Kastanie ja dabei eine Renaissance zu erleben? Mittlerweile hält sie sogar Einzug in Sterne-Hotels: in Form von Kastanientorten, Kastanienholzmöbeln, Kosmetiklinien aus Kastanienprodukten. Ein Kastanienbad oder ein Kastanien-Honig-Peeling gefällig? Kastanien stärken schließlich das Gewebe.

Die „Keschtn“ liegen also allseits voll im Trend. Sogar auf facebook findet man „törggelen“. And 5.299 people like it. Wer wird der 5.300ste Fan?

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