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Sentres Magazin – Sport & Touren

Südtirols Tourengeher

Bergsteigen im Winter? Was sind das für Leute? Was bewegt sie, woher kommen sie? Eine Studie lieferte überraschende Fakten..

Mühsam ist er, der Aufstieg in die winterliche Bergwelt. Schweißperlen auf der Stirn. Brennende Beinmuskulatur. Doch: Die eigene Spur ist die einzige im unberührten Weiß. Und dann belohnt auch noch die Abfahrt durch den Pulverschnee.

Kalter Winter – heißes Thema

Tourengeher – die neuen Helden der Berge? Fakt ist: die Sportart boomt. Und gerade deshalb wird über die Themen Skitourengehen und Schneeschuhwandern derzeit heftig diskutiert. Da gibt es die Grünen, die sich um Jungwald und -wild sorgen, die Liftgesellschaften, die um die Attraktivität des Pistenskifahrens fürchten, und die an und für sich schon Besorgten, die Tourengehen grundsätzlich als Risikosportart einstufen. Da wären aber auch noch die Tourler selbst, die einer Faszination verfallen sind und als einzige tatsächlich erleben, worüber andere nur reden.
Vermutungen. Meinungen. Annahmen. Denn Zahlen und Fakten zum Thema gab es im alpinen Raum noch nicht. Bis jetzt.

Die Tourengeher-Studie

„Schian isch‘s und gsund isch‘s“, meinte Landeshauptmann Luis Durnwalder im Anschluss der Pressekonferenz zum Thema Skitouren und Schneeschuhwandern am gestrigen Mittwoch. Im vergangenen Winter 2009/2010 wurde in Südtirol erstmals eine flächendeckende Vollerhebung der Skitourengeher und Schneeschuhwanderer durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Rahmen der Pressekonferenz präsentiert.

Die Studie wurden vom Landesamt für Statistik, dem Bergrettungsdienst BRD und der nationalen Berg- und Höhlenrettung CNSAS, sowie dem Institut für alpine Notfallmedizin der Europäischen Akademie durchgeführt.

Datenerhebung

Es war der frühe Morgen eines kalten Tages im Hochwinter, der 21. Februar 2010, an dem ausgewählte Ausgangspunkte mit freiwilligen Bergrettern besetzt wurden: Parkplätze, Schutzhütten, Höfe und Zufahrtswege. In zwei Fällen wurden die Zählungen gar auf Gipfeln durchgeführt; auf dem Rittner Horn und auf dem Gabler.

Und warum das Ganze? Hanspeter Staffler, Landesabteilung Zivilschutz, meint dazu: „Bergsteigen im Winter wird immer beliebter. Leider kommt es bei dieser boomenden Sportart jedes Jahr zu tödlichen Lawinenunfällen, die in den Medien und von der Gesellschaft emotional und häufig auch unsachlich diskutiert werden. Diese Studie wurde durchgeführt, um die Diskussion Winterbergsteigen zu versachlichen und das Risiko objektiv bewerten zu können, aber auch um zielführende Maßnahmen in der Prävention und Rettung von Lawinenopfern ergreifen zu können. Die Ergebnisse der Untersuchung sind jedenfalls überraschend.“

Skitourengehen oder Schneeschuhwandern?

Insgesamt wurden 6.010 Tourengeher gezählt. Davon sind ganze 30 Prozent Schneeschuhwanderer! T. Preindl, Landesleiter des Verbandes Bergrettungsdienst im Alpenverein Südtirol: „Dass so viele mit Schneeschuhen in den Bergen unterwegs sind, hätten wir nicht erwartet. Bis vor einigen Jahren waren Schneeschuhwanderer hauptsächlich in Waldregionen anzutreffen; im Mittelgebirge höchstens. Viele Schneeschuhwanderer kennen sich in den Bergen nicht aus, benutzen somit Sommerwege, was dazu führt, dass sie oft in lawinengefährdete Gebiete geraten. Lawinenunfälle, in welche Schneeschuhwanderer verwickelt waren, lassen darauf schließen, dass der Großteil von ihnen noch nicht über eine Notfallausrüstung, wie LVS Gerät, Sonde und Schaufel verfügt.“ Sind Tourengeher etwa nicht verantwortungsbewusst? Im Gegenteil.

Verantwortungsgefühl der Tourengeher

Am Tag der Erhebung wurden an 18 festgelegten Kontrollpunkten keine Skitourengeher oder Schneeschuhwanderer gezählt. Gemieden wurden ausgerechnet jene Routen, die aufgrund von starken Schneefällen am Vortag erheblicher Lawinengefahr ausgesetzt waren. „Uns ist ein verantwortungsvolles Vorgehen aufgefallen.“, so die Projektgruppe. “Die Tourengeher waren nicht in gefährlichen Gebieten anzutreffen; sie sind auf Alternativrouten ausgewichen."

Die Mehrheit der Tourengeher (rund 60 Prozent) waren außerdem in Gruppen von 2 bis 5 Personen unterwegs, was in Notfallsituationen durchaus entscheidend sein kann.

Einziger Kritikpunkt: die Uhrzeit des Aufbruchs. Obwohl die Mehrheit der Tourengeher zwischen 8 und 11 Uhr morgens aufbricht, gibt es immer noch jene 20 Prozent, die erst mittags starten. Preindl, Landesleiter des Bergrettungsdienstes, und Zampatti, Vorsitzender Berg- und Höhlenrettung des CNSAS, sind überzeugt: „Das ist eindeutig zu spät! Man hat keine Reservezeit zur Verfügung. Bei unerwarteten Zwischenfällen müssen Abfahrt oder Abstieg bei Nacht und oft ohne Beleuchtung bewältigt werden."

Die Skitour-isten

Nicht unterschätzt werden sollte das Tourengehen zudem als Wirtschaftsfaktor: Rund 40 Prozent der Befragten stammen aus anderen Provinzen Italiens oder aus dem Ausland, was die touristische Bedeutung dieser Sportart untermauert. H. Brugger dazu: „Diese Wintersportart erfährt von Jahr zu Jahr höhere Akzeptanz und stellt einen nicht mehr wegzudenkenden Faktor im Tourismus dar.“

Nächste Messung

Somit wird auch im Jahr 2011, wiederum in Zusammenarbeit mit den Bergrettungsdiensten, eine Zählung der Skitourengeher und Schneeschuhwanderer vorgenommen werden, die sich diesmal aber über eine ganze Woche erstrecken wird. Dabei soll der Fokus auf das Thema „Notfallausrüstung und Kenntnis zur Lage des Lawinenberichts“ gelegt werden.

Fazit bisher: Tourengeher sind Abenteurer, sind aber nicht so verantwortungslos wie ihnen oft zugeschrieben wird und – entgegen der bisherigen Meinung – sind sie sogar von wirtschaftlicher Relevanz.

Und was meint sentres zu diesem Thema? Wir sagen: “Der Luis hat Recht.”

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