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Sentres Magazin – Natur & Umwelt

Schrecksekunde am „Keltenstein“ von Wolfsgruben am Ritten - Hanspaul erzählt

Hanspaul Menara erzählt von dem Gedanken an Sagen und Mythen am Ritten.

Auf dem Ritten gibt es eine Gegend, einen Weiler und einen See namens Wolfsgruben. Auf der einen Seite des Sees, der einst, als es hier weder Wiesen noch Häuser noch Straße gab, wohl sehr abgeschieden und auch ein wenig unheimlich gewesen sein mag, liegen in geringer Entfernung mitten im Wald der Mitterstielersee und die Schwarze Lacke, wo es auch heute noch recht düster und geheimnisvoll ist, besonders wenn man daran denkt, dass sich auf dem nahen Collnoartl einst eine Urzeitstätte befunden hat.

Und auf der anderen Seite des Wolfsgrubner Sees erhebt sich die bewaldete Kuppe namens Roarer Windspiel. Auch dort hat man Reste einer Urzeitstätte gefunden, und unweit davon befindet sich das archaische, massiv gemauerte und strohgedeckte Plattnerhöfl.

Ich habe besonders in den zehn Jahren, in denen ich auf dem Ritten wohnte, die Gegend wiederholt besucht und darüber so manches gelesen.

Und so saß ich an einem Spätnachmittag des Jahres 1989 auch oben auf dem Roarer Windspiel. Über mir wiegten sich die hohen Föhren sanft im Wind und ächzten leise, wenn sich Äste oder Stämme aneinander rieben, und vor mir ragte ein mächtiger Felsblock mit einem eingemeißelten kleinen Kreuz in die Höhe, ein Felsblock, dem kurz zuvor eine mächtige Steinplatte aufgesetzt worden war und der nun aussah wie ein überdimensionaler Pilz.

Diese Platte lag ursprünglich am Boden und man vermutete, dass sie sich einst oben auf dem Felsblock befunden habe und daher hat man sie eben wieder dorthin gesetzt. Und nun sitze ich also am späten Nachmittag allein unter dem mächtigen Steingebilde, die Föhren ächzen, der Wind rauscht durchs Geäst, die Sonne sinkt im Westen immer tiefer und die Schatten werden länger und länger.

Birnwald soll man den Wald hier auf dem Roarer Windspiel früher genannt haben, und mancher vermutete denselben Namensursprung wie beim Birnfeld im Ahrntal, das der Pirra, wie die Ahr einst hieß, den Namen gegeben haben soll.

Mir fällt ein, dass ich von einem "wasserspendenden Himmelsteich" in der Nähe gelesen hatte, davon, dass das Plattnerhöfl einst Gerichtsstätte war, dass das Windspiel wohl eine "sichernde Wegwarte" gewesen sei, dass man die Reste eines "turmartigen Bauwerks" gefunden habe, dass diese Teil einer kleinen Wallburg, ja sogar einer bronzezeitlichen Wehranlage mit Wall und Graben rundherum gewesen und dass der Name Roarer Windspiel nach wie vor ungeklärt sei.

Auch hatte ich davon gelesen, dass das Felsgebilde in grauer Vorzeit ein heidnischer Opferstein gewesen sei, ein alter Menhir, ein keltischer Kultstein.   

So sitze ich kleines Menschlein da, zweifle insgeheim manche der vielen Mutmaßungen an und grüble vor mich hin. Und allmählich nimmt vor meinem geistigen Auge die Vergangenheit Gestalt an. Ich stelle mir gespenstische keltische Druiden vor, grausame Opferriten bei lodernden Feuern in stockdunkler Nacht, wilde Gesänge und ekstatische Tänze, schaurige Wahrsagungen, heulende hungrige Wölfe oder solche, die in jenen Gruben gefangen und getötet wurden, denen die Gegend den Namen verdankt. Und ich frage mich, ob hier sogar Todesurteile vollstreckt wurden, die der Richter drüben im Plattnerhöfl gefällt hatte.

Und vor mir ragt das überdimensionale Steingebilde auf, der „keltische Menhir“, derweil die Schatten immer länger werden, der Wind stärker wird und das Geäst oben in den Kronen der Föhren immer stärker ächzt und stöhnt. Und plötzlich schlagen die Gespenster und die keltischen Druiden zu. Ein unerklärliches kurzes Sausen und Rauschen und ein unmittelbar darauffolgendes fürchterliches Krachen reißt mich in die Höhe. Der Schreck fährt mir durch alle Glieder. Was geschieht da? Habe ich mit meinen zweifelnden Gedanken die alten Geister auf den Plan gerufen? Tauchen gleich Schamanen auf und führen mich einer entsetzlichen Strafe zu?

Nein, nichts von alledem. Und die Ursache für das Sausen, Rauschen und Krachen, das wohl gar nicht so laut und schrecklich war, wie es mir erschien, liegt still, bewegungslos und völlig harmlos am Boden: ein dicker dürrer Ast, der von den Baumkronen gebrochen, genau hinter mir zu Boden gefallen und dabei in mehrere Stücke zerborsten war - das war alles.

Erleichtert atmete ich auf, weder in die Gewalt fürchterlicher Dämonen war ich geraten, noch war sonst etwas Schlimmes passiert. Aber wenn ich daran denke, dass mir besagter dicker Ast auch auf den Kopf hätte fallen können, läuft mir doch auch heute noch ein leiser Schauer über den Rücken.

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