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Sentres Magazin – Sport & Touren

„Roter Faden“ im weißen Schnee

Tausende Bergsteiger zieht es im Sommer ins (nicht mehr ganz) ewige Eis. Gehen, atmen, sehen und spüren…ein besonderes Erlebnis am Similaun.

Ein Bergerlebnis von Edith Runer für sentres.com

Jede Geschichte braucht einen „roten Faden“. Er gibt ihr Halt, damit sie nicht abdriftet. Er sorgt für Struktur und Ordnung, für einen Anfang und ein Ende…Jetzt liegt er da unten im weißen Schnee, der „rote Faden“. Mit jedem Schritt rutscht er nach vorne weg, die Zacken der Steigeisen hinterher. Er gibt den Rhythmus an: eins und zwei, eins und zwei. Die Steigeisen hinterher: eins und zwei…Kein Autolärm, keine Ampel, die Stopp anzeigt, kein Termin, der zur Eile mahnt. Nur der „rote Faden“, dem es zu folgen gilt. Es ist früher Morgen, und während sich der Gipfel des Similaun etwa 600 Meter über uns schon in den ersten Sonnenstrahlen aalt, stapfen wir in Handschuhen und Mützen Schritt für Schritt durch den noch prickelnd harten Schnee. Rechts den Eispickel, links das lange Kletterseil, unseren „roten Faden“, in der Hand. Er wird uns Halt geben, für Ordnung sorgen, den Anfang und das Ende der Seilschaft markieren. Und er soll uns vor dem Sturz in eine Gletscherspalte bewahren.

Hüttentage - Hüttenjahre
Unten auf der Terrasse der Schutzhütte herrscht noch reges Treiben: Vier weitere Seilschaften packen ihre Rucksäcke, kontrollieren die Ausrüstung… Um 6 Uhr früh hat die Hüttenwirtin schon den ersten heißen Kaffee in die Kannen gegossen. Eigentlich spät für ein Schutzhütten-Frühstück. Doch weil die Similaunhütte auf 3019 Metern Meereshöhe liegt, dauert die eigentliche Gletschertour zum „Hausberg“ nur knappe zwei Stunden. Seit 27 Jahren ist Markus Pirpamer der Chef der vor 112 Jahren errichteten Hütte. Er stammt aus Vent im Ötztal. Seine Frau, Ulli Gurschler, ist Vinschgerin. Die Hütte gehört der Familie, ist tiptop hergerichtet, bietet Schlafplätze für 100 Wanderer – und die kommen selbst in „schlechten“ Sommern wie jenem 2011. Denn die Similaunhütte ist nicht nur Ausgangspunkt für den Similaun und die Finailspitze, sondern auch für die Fundstelle der Gletschermumie Ötzi, die sich nur 50 Gehminuten  entfernt am Hauslabjoch befindet. Zudem führt hier der Europäische Fernwanderweg E5 vorbei. Erst im Frühjahr 2011 hat Markus Pirpamer eine geschlossene Veranda ans Haus gezimmert: mit Panoramablick auf den Ortler und seine Gespielen.

Genüsse - Gefahren
Für Panoramablicke ist jetzt am Morgen, mitten auf dem Gletscherfeld, keine Zeit. Hatten sich die Seilschaften am Start noch emsig über die beste Route unterhalten, gescherzt und Fotos geknipst, herrscht nun volle Konzentration: auf den Schritt des Vordermannes, auf die eigene Atmung, auf den „roten Faden“ im weißen Schnee. Der Gletscher – das weiß hier jeder – ist zu Scherzen nicht aufgelegt. Auch an der vermeintlich sichersten Route, an tausendfach abgetretenen Aufstiegsspuren, reißen unbändige Kräfte gefährliche Spalten ins Eis. Jeder Bergsteiger muss in jeder Sekunde gefasst sein, einen Seilgefährten mit seinem Gewicht und mit Hilfe von Seil und Eispickel vor einem tödlichen Sturz zu bewahren.

Trotzdem ist jeder Schritt auch ein Genuss, jeder Schritt ein Meter hin zum Ziel, das allen begeisterten Bergsteiger gemeinsam ist und doch so unterschiedliche Gefühle weckt: das Gipfelkreuz. Schwere Beine, langsames Atmen, mitunter Respekt vor den steilen Abhängen  – das alles sind Nebenerscheinungen im Vergleich zu dem, was oben kommen wird…

Ewigkeiten – Endlichkeiten
Der letzte Grat unterm Gipfel: Es ist die Schlüsselstelle und gleichzeitig der spannendste Teil des Aufstiegs. Er verlangt den Bergsteigern noch einmal höchste Aufmerksamkeit ab. Nur nicht hasten, keine Schnappschüsse während des Gehens und immer breitbeinig spuren, um nicht zu stolpern.

Auf den letzten Metern ist er plötzlich weg, der Schnee. Die Steigeisen waten durch braunen Matsch. Es scheint, als ob die gefürchtete Gletscherschmelze ganz oben am Berg beginnen würde. Dabei ist es in Wirklichkeit ganz unten an der Zunge, wo das Eis immer schneller zu Wasser schmilzt. Am Niederjochferner, wie der Similaungletscher eigentlich heißt, zeigt sich das Phänomen besonders ausgeprägt. 46 Meter hat er allein im Jahr 2009 eingebüßt. Dem „ewigen Eis“ schwimmt die Ewigkeit davon.

Minuten später steht es tatsächlich vor uns, das Gipfelkreuz des Similaun. Schlicht und doch respekteinflößend. Händeschütteln und andere Bergsteiger-Rituale, fast schon Trubel rund um den höchsten Punkt. Erst, als wir ein bisschen abseits zur Ruhe kommen, hinunterschauen auf das  Wolkenmeer unter uns, hinüberschauen auf Dreitausender und hinauf zum dunkelblauen Himmel, beginnen wir zu begreifen und zu spüren. Freiheit. Zufriedenheit. Dankbarkeit. Ehrfurcht. Glück. Vielleicht etwas, wofür es keine Worte gibt. Jeder für sich.

Fast mechanisch schrauben wir wenige Minuten später wieder unsere die Karabiner auf und hängen das Seil ein. Der „rote Faden“ im weißen Schnee – wir brauchen ihn bis zum Ende der „Geschichte“. Er wird uns Halt geben, bis wir wieder unten sind.
 

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