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Sentres Magazin – Natur & Umwelt

Polemik in den Bergen

Wenn die Emotionen hochkommen, wird eine sachliche Diskussion schwierig. Muss das unbedingt sein?

Erstmals eine Bemerkung vorab: Neue Hütten braucht das Land. Das war das Thema eines sentres Artikels vom 24. Jänner. Zum Nachlesen gerne hier noch mal der Link: Schutzhütten 2.0

Seit die drei Projekte vorgestellt wurden, fegt so etwas wie ein Sturm der Entrüstung über diese angeblich infamen Bauwerke durch das Land. Es ist geradezu erstaunlich, wie sehr diese neue Architektur die Menschen verstört. Immerhin sprechen wir hier von Bauwerken in lichten Gebirgshöhen, Bauwerke die viele Gegner dieser Architektur wahrscheinlich nie persönlich sehen werden. Es scheint beinahe so, als würde der Brixner Dom abgerissen und durch einen futuristischen Neubau ersetzt.

Jede Diskussion wird von den Projektgegnern sofort mit Totschlagargumenten abgewürgt, es ist nur mehr von Betonbauten oder Bunkern die Rede. Hier hat die Polemik eindeutig den Dialog ersetzt. Auf solcher Basis ist es schwer, das sicherlich wichtige Thema unaufgeregt und sachlich zu durchleuchten.

Wir wagen trotzdem diesen Versuch und wenden uns bei der Betrachtung der Thematik lieber den praktischen Aspekten zu. Die ohnehin völlig undiskutierbare Frage der Ästhetik lassen wir außen vor. Geschmack ist nun mal Geschmack. Und ob diese neuen Schutzhütten schlussendlich in die Landschaft passen, was immer das auch bedeuten mag, werden nur jene wirklich beurteilen können, die sich nach der Fertigstellung der Bauwerke die Mühe machen auch wirklich hochzusteigen.

Eine Hütte die Schutz bietet
Zuallererst ist eine Schutzhütte genau das, eine Schutzhütte. Und zwar im allerursprünglichsten Sinn. Eine schützende und wärmende Hülle. Bekanntlich ist das Wetter in den Bergen oft launisch und manchmal auch sehr gefährlich. Hier nur ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: im März 2008 brauste das Orkantief Emma mit gemessenen 215 km/h Windgeschwindigkeit über die Schöntaufspitze. Und auch in tieferen Lagen wurden Spitzen von über 150 km/h nachgewiesen. Windgeschwindigkeiten ab 117 km/h gelten übrigens als Orkan. Daraus wird schnell ersichtlich, Vordächer, überdachte Terrassen, überhaupt jedes Bauteil, dass sich frech vom Hauptkörper abhebt, wird dort nicht lange überleben. Das gilt natürlich vor allem für Hütten in höheren Lagen. In tiefer gelegenen, windgeschützten Lagen ist das Problem nicht derart gravierend.

Holz gegen Stein und Beton
Damit die Schutzhütte auch wärmen kann, braucht es Energie. Am Besten möglichst wenig Energie, da die Erzeugung von Energie hoch in den Bergen eine aufwendige Angelegenheit ist. Sparsamkeit ist also eine absolute Notwendigkeit, und das bedingt eine möglichst perfekte Isolierung und ein durchdachtes Energiemanagement. Eine Bauhülle aus Steinen der unmittelbaren Umgebung, wie bei den alten Hütten üblich, genügt den heutigen Anforderungen an die Isolierung ganz sicher nicht. Hier ist eine moderne, modulare Holzbauweise gefragt. Und wird bei den Neubauten der Hütten auch eingesetzt. Natürlich mit entsprechender Isolierung und haltbarer Außenverkleidung. Diese Bauweise hat zudem den Vorteil, dass einzelne Elemente im Tal zusammengebaut und in größeren Teilen zum Bauplatz geflogen werden können. Von den angeprangerten Betonbunkern keine Spur.

Strom aus der Steckdose
Herkömmliche Schutzhütten werden größtenteils durch mit fossilen Treibstoffen angetriebene Stromaggregate versorgt. Solche Generatoren verbrauchen, je nach Leistung, mehrere Liter Diesel, pro Stunde! Die Abgase gelangen ungefiltert direkt in die Umwelt. Und bitte nicht vergessen, wir sprechen hier von ökologisch äußerst sensiblen Regionen. Dass der Transport mit dem Hubschrauber sauteuer ist, kommt noch dazu. Bleibt als Alternative die Versorgung durch Energie aus erneuerbaren Quellen, zumeist Photovoltaik. Das bedingt eine verfügbare Fläche an der Südseite der Hütte und einen gut geschützten Technikraum für die Speicherbatterien, Die Ladegeräte und die Wechselrichter. Für den Spitzenverbrauch oder als back-up System wird dann gerne zusätzlich noch ein konventioneller Stromgenerator oder noch lieber eine Mikro Kraft-Wärme Kopplungsanlage verwendet (z. B. der „Dachs“ von Senertec, um nur ein Gerät zu nennen). Das alles bedarf entsprechender Räumlichkeiten in der Hütte, gesetzeskonform erbaut natürlich.

Die Quelle auf der Bergspitze
Wenn man so friedlich durch Südtirols schöne Landschaft wandert, vorbei an Quellen und munteren Bächlein, könnte man meinen, sauberes Wasser gäbe es in den Bergen im Überfluss. Dem ist nicht so. Je weiter man über die Baumgrenze steigt, desto seltener finden sich Quellen. Höher gelegene Schutzhütten müssen daher das Wasser teilweise über hunderte Höhenmeter zur Hütte hinauf pumpen. Das bedingt technische Anlagen zur Wasserreinigung und Speichertanks auf der Hütte. Auf größeren Schutzhütten nächtigen schon mal 50 oder mehr Gäste gleichzeitig, der Wasserverbrauch ist entsprechend hoch. Die aus ökologischer Sicht beste Alternative wäre die ausschließliche Nutzung von Regenwasser. Also Katzenwäsche für alle, ein nasses Handtuch für alle Hüttengäste. Nicht wirklich praktikabel, oder?

Was vom Tag übrig bleibt
Was dann irgendwann wieder raus kommt, das verursacht eine Menge Probleme, das Abwasser nämlich. In Dorf und Stadt ist das für die Bewohner keinen Gedanken wert, das Abwasser verschwindet in einem Rohr, aus den Augen, aus dem Sinn. So oder ähnlich war es bisher auch bei den Schutzhütten, und ist es oft immer noch. Aber, wie bereits erwähnt, Schutzhütten befinden sich in ökologisch sensiblen Zonen. Die starke Zunahme des Bergtourismus und die steigende Zahl von Übernachtungen verlangt nach neuen Lösungen bei der Behandlung von Abwässern. Neue Ansätze, die in bestehenden Hütten aus baulichen Gründen nicht oder nur unvollständig eingesetzt werden können.

Wer wirklich auf der Hütte lebt
Komfort auf der Hütte muss nicht unbedingt sein, könnte man meinen. Es geht auch gar nicht um die Hüttengäste, es geht vor allem um die Hüttenwirte, deren Familien und Mitarbeiter. In vielen der älteren Hütten gibt es so etwas wie Privatleben für die Wirte oder Wirtinnen gar nicht. Kein eigenes Zimmer, kein eigenes Bad, keine Rückzugsmöglichkeit. Und das über Monate. Was für die allermeisten Hüttengäste einen Tag lang sogenannte Hüttenromantik bedeutet, ist für die Betreiber schlicht unzumutbar.

Jede Hüttenwirtin, jeder Hüttenwirt kann dieser kurzen Aufzählung von notwendigen Voraussetzungen für den Neubau einer Schutzhütte sicher noch eine lange Liste folgen lassen. Vernünftige Lagerräume für die Lebensmittel zum Beispiel, eine ordentlich ausgestattete Küche, ein ausreichend großer Trockenraum usw. Was so ziemlich sicher ist, ein Großteil der traditionellen Schutzhütten die wir so lieb gewonnen haben und oft auch romantisch verklären, erfüllen diese Anforderungen nicht.

Reden, nicht streiten
Die wirklich wichtigen Themen beim Neubau einer Schutzhütte sind eindeutig die Erfüllung der technischen Voraussetzungen für einen soweit als möglich ökologischen Bau und Betrieb der Hütte. Und nicht zu vergessen, die Schaffung eines menschenwürdigen Arbeitsumfeldes für die Betreiber. Über die Ästhetik der neuen Schutzhütten kann und soll man ruhig diskutieren, aber so diffuse Argumente wie „Romantik“ und „in die Landschaft passen“ sind dabei kein hilfreicher Beitrag für eine sachliche Auseinandersetzung.

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