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Sentres Magazin – Natur & Umwelt

Nur ein Zaunkönig - Hanspaul erzählt.

Hanspaul Menara erinnert sich gut an das Konzert eines Zaunkönigs im Ultental.

Ich habe zwar auch längere Zeit in Bozen und damit in rein städtischem Umfeld gelebt, aber es war mir vergönnt, den weitaus größeren Teil meines Lebens in ländlich geprägter Umgebung zu verbringen, und da war die Begegnung mit dem kleinen Zaunkönig, von dem hier die Rede sein soll, eine Selbstverständlichkeit.

Immer wenn sich ein Kälteeinbruch anbahnte, erschien auf dem Gartenzaun der "Pfutschkinig", wie wir ihn nannten, und da hieß es: "Oh je, jetzt wird's kalt". Und selbst wenn sonst noch nichts darauf hindeutete, ein oder zwei Tage später trat der Temperatursturz ein – so sicher wie das Amen im Gebet. Ansonsten fiel das bräunliche und damit gut getarnte Vögelchen allerdings kaum auf, außer dass es ab und zu kurze, schwer zu beschreibende Laute von sich gab.

Mit dem Abklingen der Kälte verschwand der Federball mit dem "gestelzten" Schwänzchen und dem langen dünnen, leicht gebogenen Schnäbelchen aus dem Gartenbezirk, es zog sich in die Wälder oder sogar in die Almregion zurück, wo ich es bei meinen Wanderungen oft antraf. Meist im Bereich von Alpenrosengebüsch oder anderem Strauchwerk huschte es in Bodennähe durchs Gezweig, und hätte es nicht seine typischen kurzen Warnrufe, die man mit "Zick Zick" umschreiben könnte, hören lassen, hätte ich es meist wohl kaum bemerkt.

Nun weiß man zwar, dass Zaunkönige nicht nur kurze Laute von sich geben, sondern auch richtig singen können, sehr kräftig sogar, und im vielstimmigen Vogelkonzert des Waldes ertönt denn oft auch der Gesang des Zaunkönigs, aber mir war es nur einmal vergönnt, das Vögelchen längere Zeit aus der Nähe zu beobachten, wie es seine Strophen kräftig und unermüdlich hinausträllerte.

Es war im Ultental. Ich stieg gerade unter hohen Lärchen in Richtung Peilstein hinauf. Zuerst hörte ich nur den Gesang, und als ornithologischer Laie, der ich bin, dachte ich zunächst an einen Buchfinken - also nichts Außergewöhnliches. Doch dann sah ich den Sänger, und es war kein Fink, sondern der Zaunkönig. Auf einem langen bärtigen Lärchenast saß er und sang aus Leibeskräften. Und das mit solcher Inbrunst, dass er mich ungewöhnlich nahe an sich herankommen ließ.

Und weil es kein Fink, sondern eben der Zaunkönig war, hatte für mich das Ganze durchaus Seltenheitswert. Lange stand ich unbeweglich da und ließ die morgendliche Vorstellung des kleinen Vogels auf mich wirken. Weil ich aber noch eine größere Tour vor mir hatte, musste ich schließlich dann doch meinen Aufstieg fortsetzen. Und erst jetzt bemerkte mich der Vogel und verließ ebenfalls den Ort des Geschehens.

Jahre sind seither vergangen. Ich habe den Zaunkönig wiederholt im Garten gesehen, ich bin ihm in unseren Wäldern und auf mancher Alm begegnet und habe ihn auch da und dort mit seiner ungeahnt kräftigen Stimme singen gehört. Aber nie mehr ließ er mich während seines Gesanges so nahe an sich herankommen wie damals in Ulten. Daher denke ich besonders gern an jenen Morgen im Lärchenhain zurück, denn von meinen vielen Naturerlebnissen blieben mir nicht allzu viele in solch angenehmer Erinnerung wie der große Solovortrag des kleinen Königs.

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