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Sentres Magazin – Sport & Touren

Lawinengefahr besser einschätzen - 10 Praxistipps

Trotz Lawinengefahr begeben sich Jahr für Jahr Tausende von Tourengehern in die Berge und leben dabei nicht ungefährlich. Abschrecken lassen braucht sich der erlebnisorientierte Wintersportler aber dennoch nicht. Patrick Nairz und Rudi Mair vom Lawinenwarndienst Tirol geben Tipps.

1. Der zweite Schneefall: Nach einer längeren Schneefallpause trifft der zweite (relevante) Schneefall auf eine Altschneedecke. Wegen der schlechten Bindung entsteht im Zwischenraum eine Schwachschicht, die Tourengehern zum Verhängnis wird. Diese Schneebretter sind für 95 Prozent der tödlichen Lawinenunfälle verantwortlich. Praxistipp: Da eine „Schubkarre voll Schnee“ schon tödlich sein kann, ist bei solchen Wettersituationen extreme Vorsicht geboten.        

2. Gleitschnee: Er entsteht oft auf glatten, steilen (Wiesen-)Hängen und ist an breiten Rissen in der Schneedecke gut sichtbar („Gletschermaul“). Gleitschneelawinen gehen zu jedem Tageszeitpunkt und oft auch ohne Belastung ab. Häufig treten sie nach dem ersten Schneefall auf. Praxistipp: Bereiche unterhalb von Gletschermäulern unbedingt meiden.

3. Regen: Er ist ein klassisches Alarmzeichen. Regen lädt zusätzliches Gewicht auf der Schneedecke ab. Das Wasser zerstört die Bindung der Schneekristalle. Es bilden sich Wasserkanäle, die Verbindung bricht. Praxistipp: Im Trockenen bleiben. Der Trost: Schon eine sehr kurze, kalte Trockenperiode macht die Schneedecke wieder sehr stabil.

4. Kalt auf warm, warm auf kalt: Dort, wo „kalter“ Neuschnee auf relativ „warmen“ Altschnee trifft (z. B. bei einer Kaltfront), bildet sich eine dünne Schwachschicht, die oft auch erst nach Tagen zur Gefahr werden kann. Praxistipp: Vor und während der Tourenplanung aufmerksam das Wetter beobachten.

5. Schnee nach langer Kälteperiode: Dieses sehr häufige Gefahrenmuster entsteht oft schlagartig. Auf der Altschneedecke bildet sich durch die Kälte Schwimmschnee. Darauf fällt Neuschnee oder durch Wind verfrachteter Schnee. Diese unterschiedlichen Schneearten binden sich kaum. Die Folge: Eine kleine Belastung kann zur Katastrophe führen. 25 Prozent aller Lawinenunfälle entstehen in diesem Muster. Praxistipp: Wetterumschwung beobachten, schnell reagieren. Auf das Bauchgefühl hören und  im Zweifelsfall umkehren bzw. nicht starten.

6. Kalter lockerer Neuschnee und Wind: Der klassische Spruch „Der Wind ist der Baumeister der Lawinen“ gilt nach wie vor. Egal, ob es nach oder während des Schneefalls windig ist – die Verfrachtungen lassen ebenso eigenartige wie gefährliche Gebilde entstehen (Wechten usw.). Ist der Schnee kalt, ist es umso gefährlicher. Praxistipp: Verfrachtungen sind leicht zu erkennen (auch wenn kein Wind mehr da ist). Vor allem bei Kälte aufpassen.

7. Schneearme Bereiche in schneereichen Wintern: Viel Schnee bedeutet meist weniger Lawinenunfälle, weil die Schneedecke gut aufgebaut ist. An exponierten Stellen (Bergkämmen, Übergängen usw.) ist der Aufbau jedoch weitaus ungünstiger, die Lawinengefahr viel größer. Praxistipp: Exponierte Stellen möglichst meiden bzw.  Schneeschichten nicht durch kraftvolle Schwünge noch mehr stören.

8. Eingeschneiter Oberflächenreif: Solange der Oberflächenreif „oben“ bleibt, ist er eher schön als gefährlich. Sobald es aber eine kompakte Schneeschicht draufschneit, wird die Situation sehr kritisch. Praxistipp: Hier ist eine gute Kenntnis der Lawinenkunde und die Wetterbeobachtung notwendig. Zu erkennen ist die Situation oft, wenn auch auf relativ flachen Hängen viele kleine Lawinen zu sehen sind.

9. Eingeschneiter Graupel: Dieses eher seltene Muster entsteht am ehesten im Spätwinter. Wird Graupel (Schneekügelchen) eingeschneit, wirkt er wie ein Kugellager. Praxistipp: Sehr schwierig. Es ist eine klassische „Expertenfalle“, weil selten und oft kleinräumig. Nur die Wetterbeobachtung hilft.

10. Frühjahrssituation: Ursache dieses „Klassiker-Musters“ ist das komplexe Wechselspiel von Temperatur, Feuchtigkeit und Wärmeeinstrahlung im Frühling. Es kann jeden Tag anders sein und sich sehr schnell abwickeln. Die Gefahr wird daher auch sehr rasch größer. Praxistipp: Gutes „Timing“, das heißt: Früh starten bzw. vor allem früh genug abfahren.    

Zum Abschluss ihrer Vorträge betonten Patrick Nairz und Rudi Mair, dass diese zehn Gefahrenmuster die Tourengeher nicht von ihrer Leidenschaft abschrecken, sondern nur informieren sollen. „Lawinen sind seltene Ereignisse“, unterstrichen sie. „Aber man sollte darüber Bescheid wissen.“     
 

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