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Sentres Magazin – Geschichte & Kultur

Horrorgeschichten im Hüttenbuch

Eine mehr oder weniger gruselige Nacht verbringt Hanspaul Menara auf einer unbewirtschafteten Hütte.

Man hatte mir gesagt, dass die Schutzhütte - aus verständlichen Gründen nenne ihren Namen nicht - nach mehreren Jahren der Unbewirtschaftung nunmehr wieder bewirtschaftet sei. Das hörte ich gern, denn ich hatte schon seit längerem geplant, jene Hütte - es handelte sich ursprünglich eigentlich um eine Almhütte, die zu einer einfachen Schutzhütte umfunktioniert worden war - wieder einmal zu besuchen, dort zu nächtigen und am nächsten Tag eine längere Höhentour zu machen.

So stieg ich an einem Samstag gegen Abend frohgemut zur Hütte hinauf, in der Überzeugung, oben Unterkunft und Verpflegung vorzufinden. Dabei hatte ich allerdings nicht bedacht, dass der Sommer bereits seinem Ende entgegen ging und die Hütte bereits unbewirtschaftet hätte sein können.

Und das war sie leider auch. Statt eines einladenden Berghospizes mit hell erleuchteten Fenstern und fröhlichen Menschen näherte ich mich einem finsteren, fast bedrohlich ausschauenden Gebäude, in dem Totenstille herrschte. Nur am nahen kleinen Moorsee war in gleichmäßigem Rhythmus das Klatschen der Wellen zu hören, die der Abendwind ans Ufer trug.

Was sollte ich tun? Wieder absteigen? Dazu hatte ich angesichts der Tatsache, dass es bald Nacht sein würde und ich es versäumte hatte, eine Taschenlampe mitzunehmen, wenig Lust. Außerdem wollte ich am nächsten Tag ja meine Höhentour machen. Hier also die Nacht verbringen? Auch das schien mir nicht gerade verlockend. Darauf vertrauend, dass ich hier etwas zu essen und ein warmes Lager vorfinden würde, war auch mein Proviant sehr dürftig, und die Aussicht auf ein warmes Lager schien mir auch kaum gegeben.

So saß ich zunächst eine Weile unschlüssig auf der Bank vor der Hütte und schaute zum Mond hinauf, der teilnahmslos am Himmel stand und mir weder Trost noch Rat zu geben wusste. Und als ich zu frösteln begann, betrat ich mehr oder weniger widerwillig die Hütte.

Die Türe war glücklicherweise unversperrt, ich trat in die Gaststube und konnte im fahlen Abendlicht gerade noch ein paar Kerzen auf einer kleinen Holzstele erkennen und dazu eine Schachtel Zündholzer. Das war schon mal was, und als der Schein der Flamme den Raum etwas erhellte, erschien mir meine Lage gar nicht mehr so schlecht.

Und dann saß ich auf einer Bank an einem der Tische, kaute am Käse herum, den ich mir daheim zusammen mit einem Stück Brot als eiserne Reserve noch rasch in den Rucksack gesteckt hatte, und weil es mir zu früh schien, "zu Bett" zu gehen, blätterte ich in einem recht verschlissenen Hüttenbuch, das dort gelegen hatte, wo ich auch die Kerze mit den Zündhölzern entdeckte hatte.

War mir die unbewohnte Hütte in der anbrechenden Dunkelheit unweit des dunklen Moorteiches  schon von außen fast unheimlich erschienen, so war das nichts im Vergleich zu dem, was das Hüttenbuch über ihr Inneres zu berichten wusste.

Um jene Leute, die da vor längerer Zeit ihre nächtlichen Erlebnisse ins Buch geschrieben hatten, nicht als Lügner zu bezeichnen, nenne ich sie Spaßvögel, obwohl mir an jenem langen Abend der Sinn für Humor und Spaß gründlich abhanden gekommen ist.

Da klagte nämlich jemand im besagten Buch, dass er im Matratzenlager die ganze Nacht wegen der vielen Läuse, die ein fürchterliches Jucken verursacht hätten, kein Auge zugetan habe. Und jemand anderer bemerkte dazu, wenn es nur Läuse gegen hätte, wäre das ja noch erträglich gewesen, aber da seien auch dicke blutsaugende Flöhe gewesen. Denn die Matratzen und Decken im Schlafraum seien sicherlich jahrzehntelang nicht gewaschen bzw. gereinigt worden, und da hätten sich Myriaden der winzigen Biester angesiedelt.

Auch von Mäusen war da die Rede, die den Schlafsuchenden im Matratzenlager angeblich übers Gesicht getrippelt waren. Doch auch da wusste jemand noch eins draufzusetzen - nein, keineswegs habe es da nur kleine harmlose Mäuschen gegeben, sondern große abscheuliche Ratten, die darauf aus gewesen seien, Menschenfleisch anzuknabbern und das Blut auszusaugen, so wie die Flöhe, aber nur noch viel grässlicher.

Und ich saß schaudernd da in der nur schwach erleuchteten alten Stube beim flackernden Schein der Kerze. Inzwischen war der Wind stärker geworden und erschreckte mich immer wieder, indem er am Fenster kräftig rüttelte, als wollte jemand einbrechen.

Beim Lesen der Horrorgeschichten beschlich mich richtig das Grausen, und ich glaubte sogar an meinem Körper mehr und mehr ein verdächtiges Jucken zu spüren, natürlich verursacht von den erwähnten Flöhen und Läusen.

Wieder überlegte ich, was ich tun sollte. Trotz allem den Schlafraum aufsuchen? Jenen Raum, den Flöhe und Mäuse, Ratten und Läuse, Wanzen und anderes Ungetier zur nächtlichen Folterkammer machten?

Nein, das widerstrebte mir so sehr, dass ich bis lange nach Mitternacht in der Stube am Tisch apathisch sitzen blieb, teils einigermaßen wach, teils fast schon vor mich hin dösend, ab und zu ein Stück Käse verzehrend und dazwischen gedankenverloren in die Flamme der Kerze starrend. Immer öfter sank mir das Kinn auf die Brust, um dann nach wenigen Augenblicken wieder empor gerissen zu werden.

Ich wusste, dass ich nicht die ganze Nacht hier sitzen konnte, doch weil mir von dem im Hüttenbuch beschriebenen Matratzenlager so graute, legte ich mich auf der Bank nieder. Aber  die war so schmal und hart, dass ich mich bald wieder aufsetzte, um im Sitzen mit dem in die Hände gestützten Kopf weiter vor mich hin zu dösen.

Doch plötzlich fasste ich in einem einigermaßen klaren Moment zwischen Wachsein und Sekundenschlaf den geradezu heroischen Entschluss, die Folterkammer aufzusuchen und mich den dort lauernden Gefahren zu stellen.

Und siehe da. Von Läusen, Flöhen und Wanzen keine Spur. Die Hütte war letzthin offenbar wirklich bewirtschaftet gewesen, jedenfalls waren, wie der angenehme Geruch von Seife und Waschmittel verriet, die Lager, Decken und Kissen erst unlängst gereinigt und gewaschen worden. Auch keine Mäuse und Ratten ließen sich vernehmen, und so schlief ich tief und fest und ohne jedwede Belästigung den Schlaf des Gerechten, bis die Sonne zum Fenster hereinlachte und eine Nacht beendete, die ein paar spaßige Eintragungen im Hüttenbuch für mich zur Horrornacht gemacht hatten.

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