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Sentres Magazin – Natur & Umwelt

Flora & Fauna - Im Hochgebirge des Vinschgaus

In dieser Flora & Fauna Ausgabe führt uns das bereits hochsommerlich warme Wetter ins Hochgebirge des Vinschgaus. Extreme Klimaverhältnisse haben in dieser Region eine sehr spezielle Pflanzen- und Tierwelt entstehen lassen.

Meine diesmalige naturkundliche Wanderung führt mich in den Vinschgau, der mit dem 3905 Meter hohen Ortler einen der höchsten und mächtigsten Berge der gesamten Ostalpen und dazu sehr viele weitere Dreitausender besitzt. Und weil sich der Juli ganz besonders für eine Hochgebirgstour anbietet, steigen wir hinauf in die Bergwelt oberhalb der 3000-Meter-Linie, dorthin, wo der Botaniker von der nivalen Vegetationsstufe spricht, wo es keine großflächigen Pflanzendecken mehr gibt, wo Fels, Blockwerk, Schnee und Eis das Bild beherrschen. Doch selbst hier oben, im Reich der Gletscher und Firnfelder, herrscht noch zähes Leben. Ob im Dolomit der zentralen Ortlergruppe und der Münstertaler Alpen, ob in den Urgesteinsbergen zwischen Ulten, Martell und Sulden oder auf den Bergkämmen der Ötztaler Alpen rund um Schnals, Matsch und Langtaufers - überall trotzt Leben den lebensfeindlichen Kräften.

Zahlreiche "Minimalisten" beleben das Hochgebirge
Da sind die Flechten, von denen vor allem die Landkartenflechte bekannt ist, die zusammen mit den schüsselförmigen Nabelflechten und anderen Artgenossen bis auf die höchsten Gipfel hinauf die Silikatfelsen überzieht, da ist die schneeweiße, wurmförmige Totengebeinsflechte, und sogar so "echte" Pilze traf ich in diesen Höhen an wie den Bovist namens Hasenstäubling und, wenn ich recht sehe, den hübschen Nelkenschwindling. Dass auch die Fauna solche Höhen nicht gänzlich meidet, zeigt sich, wenn sich am Blockgrat die leichtfüßigen Gämsen als Silhouette gegen den Morgenhimmel abzeichnen, wenn ein Steinadler oder ein Bartgeier hoch in den Lüften seine Kreise zieht, wenn der Kolkrabe sein Klock-Klock hören lässt, wenn auf einer der letzten Blüten ein bunter Falter sitzt oder eine langbeinige Spinne über den Schnee läuft. 

Vor allem aber sind es die Blütenpflanzen, die das ernste Bild des Hochgebirges etwas freundlicher erscheinen lassen - der Gletscher-Hahnenfuß zum Beispiel, der Gletscher-Mannsschild oder der Gletscher-Petersbart, drei Blumen, deren Namen deutlich genug auf die extremen Standorte im Hochgebirge hinweisen. Aber auch viele Pflanzen ohne so bezeichnende Namen steigen über 3000 m Höhe hinauf. So etwa die Wucherblume, die auch Berg-Margerite genannt wird, das Hornkraut, dessen Blüten an weiße Lilien erinnern, das Krainer Greiskraut, das nicht nur in Krain vorkommt, das Alpen-Leinkraut, das in den Westalpen ähnlich wie der Gletscher-Hahnenfuß sogar bis über 4000 Meter Höhe ansteigt, dann der Moos-Steinbrech, der Rote Steinbrech, der Furchen-Steinbrech, der Felsen-Ehrenpreis, der Kurzstängelige Enzian, das Stängellose Leimkraut, die Edelraute...

Erinnerungen bleiben
Wenn ich stunden- oder tagelang da oben unterwegs bin, oben, wo mich eine herrliche Bergwelt, aber letztlich doch fast nur noch tote Einöde umgibt, ist die Begegnung mit diesen Vertretern des Lebens immer ein ganz besonderes Geschenk. Sie sind der Beweis, dass auch das Hochgebirge lebt - zwar nicht so artenreich und üppig wie die Gebiete der tieferen Lagen, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb so bewundernswert und faszinierend. Und steige ich schließlich wieder bergab, nehme ich nicht nur die Erinnerung an Fels, Eis und Schnee, an bewältigte Schwierigkeiten, an die Augenblicke auf dem endlich erreichten Hochgipfel mit ins Tal, sondern auch die Erinnerung an das bunte Leben am äußersten Rand der Existenzmöglichkeit oben im Hochgebirge.

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