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Sentres Magazin – Geschichte & Kultur

Die Outdoor-Emanzipation

Wer sind die wahren Heldinnen der Berge?

Die Steigung will kein Ende nehmen. Verbissen treten meine Freundin und ich in die Pedale. Hochrot leuchten die Köpfe unter unseren Fahrradhelmen, unsere Shirts kleben kaltnass am Körper und alles bisherige Training scheint vollends vergebens gewesen zu sein.
Da rast plötzlich in unfassbar boshafter Leichtigkeit ein Hightech-Radflitzer an uns vorüber. Im Turbotempo strampelt da ein betagter Herr, ausgerüstet wie ein Kampfpilot, den Hang hinauf; grüßt und lächelt freundlich im Vorübertreten. Wir hassen ihn augenblicklich. „Na, der hat ja auch ein viel leichteres Rad.“ bin ich sogleich der Überzeugung. „Ja, und außerdem ist er ein Mann. Mountainbiken ist Männersache.“ meint meine Freundin.

Männerdomäne Berg

Wenn das Luisa Francia gehört hätte! Ihr Werk „Der untere Himmel“ ist mir erst letztens bei meiner Recherche zum Thema „Frauen und Berge“ wieder in die Hände gefallen. Die Münchner Autorin und Bergsteigerin schreibt in ihrem Buch über die Geschichte zahlloser Frauen, die seit Beginn des Jahrhunderts hohe Berge ersteigen. „Sie stellten sich damals kein bisschen ungeschickter an, als die Männer. Ihre Leistung wurde jedoch nie gewürdigt.“ In Anbetracht ihres naturgegebenen, minder kräftigen Körperbaus leisten Frauen verhältnismäßig sogar mehr, ist Francia der Überzeugung. „Frauen überflügeln die Männer, sie gehen durch Eiswüsten und durchqueren die Weltmeere.“

Vom Berg-Chauvinismus zur Outdoor-Emanzipation

Ja, so sind sie, die „Outdoor-Emanzen“. Vielleicht eine natürliche Reaktion auf den männlichen Chauvinismus, der jahrhundertelang in diesem Bereich geherrscht hatte? Der österreichische Bergsteiger Paul Preuß traf vor rund 100 Jahren die Entscheidung: „Die Frau ist der Ruin des Alpinismus.“ und spiegelte damit treffend den Geist seiner Zeit wider.

Ja, wir Frauen waren auf den Berggipfeln nicht gerne gesehen. Die Jungs wollten damals ihre Spitzen ganz für sich alleine erobern. Und wir hielten uns bescheiden zurück. Anfangs zumindest. Doch mit der Zeit hat sich der Bergsport enorm gewandelt.

Frau am Berg

Frauen drängen auf die Berge der Welt, seit Marie Paradis 1809 als erste den Montblanc bestieg. Damals noch im Rock. Damals noch verpönt. Ihre Erfolge wurden wenig beachtet. Und doch ließen sich die Heldinnen der Gipfel, wie die Holländerin Jeanne Immink, nach der auch zwei Dolomitenspitzen benannt wurden, nicht davon abbringen ihre Liebe zur Bergnatur und der körperlichen Betätigung im Freien zu leben. Jeanne Immink war die erste Frau, die im steilen Fels kletterte. Ihr sportliches Niveau war derart hoch, dass nur wenige Männer mit ihr mithalten konnten. Gegen die Gepflogenheiten der damaligen Zeit trug sie Hosen. Außderdem erfand Jeanne Immink den Klettergurt. Mit besonderer Form für die Frau.

Outdoor-Bekleidung goes feminin

Was Jeanne Immink vormachte, ist heute Gang und Gäbe. Hersteller von Bergsportausrüstung haben auf das wachsende Interesse der Damenwelt reagiert. Es gibt inzwischen Rucksäcke für kurze Rücken oder schmale Schultern und Schlafsäcke, die im Fußbereich besonders warm sind. Das ist schon mal sinnvoll. Schließlich haben Frauen doch immer kalte Füße.

Berg-Diven - nein danke!

Aber wer wird denn gleich mit dem Komfort übertreiben? Wer will schon zur Gruppe der Berg-Diven zählen? Lucy Walker ist das beste Beispiel einer Berg-lady mit Luxus-Marotten. Die Britin begann 1858  in den Alpen zu klettern. Auf den Gipfeln angekommen, aß sie am liebsten Biskuitkuchen und trank dazu Champagner. Und dann war da noch Sandy Hill Pittmann, die sich von ihren Sherpas die letzte Ausgabe der Zeitschrift Vogue hinterhertragen ließ.

Wahre Outdoor-Frauen

Oh Eun-sun zählte sicherlich nicht zu den Diven mit derlei Sonderwünschen. Sie hat es im letzten Jahr als erste Frau der Welt geschafft, alle 14 Achttausender zu bezwingen und ging damit in die Geschichte der Bergheldinnen ein.

„Ja, das sind die wahren Outdoor-Frauen.“, meint meine Freundin. Als wir mit unseren Mountainbikes endlich den Hügel erklommen hatten und von dort oben auf der anderen Seite - äußerst senkrecht - den vor uns liegenden Trail hinabblickten, meinte sie zu mir: „Das wird happig. Los geht‘s. Wahre Outdoor-Frauen feilen nicht an ihren Nägeln, sondern an ihrer Technik.“ Und schon stürzte sie sich den Hang hinab. 

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