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Sentres Magazin – Geschichte & Kultur

Der Bildstein von Graun - Hanspaul erzählt

Keiner kennt die Geschichte des Bildsteins von Graun genau, das macht den gravierten Stein im Unterland so besonders.

Es war an einem der ersten Novembertage vor rund 35 Jahren. Die Laubbäume trugen noch ihre grünen, gelben, roten und braunen Blätter, aber an einem der letzten Oktobertage hatte es bis in die Talniederungen herab geschneit, und nun boten die schneebedeckten Herbstbäume rund um die Kirche von Graun ein ebenso schönes wie ungewohntes Bild.

Mit Graun meine ich nicht das Dorf oben im Vinschgau, sondern jenes im Unterland, das ich von Kurtatsch herauf zu Fuß auf einem besonders schönen Pflasterweg - dem einstigen Hauptweg nach Graun - erreicht hatte. Mein Besuch galt der Kirche, die einsam und allein am vorderen Rand der Grauner Hangterrasse steht, aber auch dem Thurnerhöfl stattete ich einen Besuch ab und dem Grauner Loch, einer kleinen Felsschlucht.

Doch am längsten stand ich wohl vor jenem merkwürdigen Stein, der am besagten alten Weg lag. Damals wies noch kein Informationsschild auf den etwa tischhohen, im Grundriss ungefähr ovalen, rund zwei Meter langen Stein hin, aber ich kannte ihn aus der landeskundlichen Literatur.

Die paar Zentimeter Neuschnee waren bereits weggeschmolzen, aber die Oberfläche des Steins war noch nass, und so waren nicht nur die vielen Grübchen, die man allgemein als "Schalen" bezeichnet, sondern auch die rätselhaften Rillen, die irgendwer irgendwann in den Schieferfels eingearbeitet hatte, besonders deutlich zu erkennen. Da waren Kreise, eine Art Herz, vor allem aber zwei schiffsähnliche Figuren und dazu ein Hakenkreuz.

Wie die Heimat- und Bildsteinforscher vor mir - es war Luis Hauser aus Kurtatsch, der den Stein 1972 erstmals beschrieb, worauf sich Experten wie Reimo Lunz, Franz Haller und Luis Oberrauch mit dem Objekt weiter auseinandersetzten - konnte auch ich mir keinen rechten Reim auf die vielen Eingravierungen machen. Ließen die "Schiffe" einen Zusammenhang mit ähnlichen Darstellungen am Gardasee, in der Val Camonica oder bei Spital am Pyhrn in Österreich erkennen? War das Hakenkreuz eine uralte Swastika, wie sie als Glücksymbol vor allem in Asien häufig anzutreffen ist, oder hat hier jemand erst in jüngster Zeit aus einem einfachen Kreuz ein "Hitlerkreuz" gemacht? Bezieht sich die mehrmalige urkundliche Erwähnung eines Traminer Hofes als "mansus ad petram grossam" aus dem 13. Jahrhundert wirklich auf diesen Bildstein? Oder wäre an einen Zusammenhang mit dem bei Rungg entdeckten und heute in Innsbruck befindlichen Figurenmenhir zu denken? Oder an jenen mächtigen Felsblockbeim Freisinghof, zu dem sich letztes Jahr bei einem Felssturz von den Grauner Wänden herab zwei weitere gesellt haben? 

Gesichert scheint zu sein, dass der Felsblock früher an einer anderen Stelle lag. Aber wo? Wirklich weiter oben in einem Acker, wie ein Bauer vor Jahren aussagte, oder gar, wie vermutet wurde, an der Stelle der heutigen Kirche und damit vielleicht an einem vorchristlichen Kultplatz?

Gibt es eine Beziehung zu den Urzeitstätten, Schalensteinen und Felswannen auf Castelfeder und St. Peter bei Altenburg? Oder einen Zusammenhang mit der prähistorischen Kupferschmelzstätte an dem nicht allzu weit entfernten Fennhals? Entstand der Bildstein von Graun gleichzeitig mit den zahlreichen Bild- und Schalensteinen vor allem im Vinschgau, im Meraner Raum und in der Brixner Gegend? Entstanden die Grübchen und Rillen alle gleichzeitig oder zu verschiedenen Zeiten? 

Fragen über Fragen, und kaum eine Antwort darauf, trotz verschiedener Deutungsversuche und intensiver Erforschung vieler anderer derartiger Steindenkmäler, die mehr oder weniger weltweit anzutreffen sind.

Seit meinem Besuch des Bildsteines von Graun damals vor 35 Jahren habe ich sehr viele andere solche Rätselfelsen gesehen, sehr viel darüber gelesen und mir natürlich auch meine Gedanken gemacht. Und so stand ich auch neulich wieder - ich war eigentlich hauptsächlich wegen eines von den Handwerkern in liebevoller Arbeit restaurierten Kalkofens hier in Graun - grübelnd vor dem Stein, der, wie gesagt, nun mit einer Informationstafel versehen ist, auf der man folgende kurze Beschreibung lesen kann: "Schalenstein aus Glimmerschiefer mit 53 eingetieften Schalen. Sie deuten auf alte Opfer- und Kultzeremonien hin. Weiters sind zwei Schiffe und eine Swastika (ein Sonnenrad) abgebildet. Schalensteine reichen bis in die Bronzezeit zurück. Die übrigen Symbole könnten auch später eingraviert worden sein. Der genaue Fundort in Graun ist nicht bekannt".

Wie der sprichwörtliche "arme Tor" war ich so klug wie vor Jahrzehnten. Manche Gravuren waren aufgrund des Schattenwurfs der nahen Laubgehölze nicht mehr so eindeutig zu erkennen wie damals, auch schien mir die Oberfläche des Steins stärker verwittert, und so war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob die beiden "Schiffe" wirklich als solche anzusprechen sind, ob das "Herz" wirklich ein solches ist und was es mit dem "Hakenkreuz" auf sich haben könnte.

Ich weiß aber, dass sich der Bildstein von Graun würdig in die Reihe der wichtigsten derartigen Steindenkmäler Südtirols stellen darf. Möge ihm der Schutz und Respekt zukommen, der ihm gebührt!

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