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Sentres Magazin – Natur & Umwelt

Das Brockengespenst - Hanspaul Menara erzählt.

Zum 150sten Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns kommt Hanspaul Menara ein spannendes, aber auch tragisches Erlebnis in den Sinn.

Heuer jährt sich zum 150. Mal die Erstbesteigung des Matterhorns, und da werden auch bei mir Erinnerungen wach.

Im Sommer 1963 hatte ich Gelegenheit, ins Wallis zu kommen, wo ich ein kleines Buch über das Matterhorn kaufte. Damals standen die Feiern zum hundertjährigen Besteigungsjubiläum bevor, und aus besagtem Buch wusste ich um die höchst dramatischen Ereignisse, die sich bei der Erstbesteigung abgespielt haben.

Und ich kannte die vom Erstbesteiger Edward Whymper angefertigte Zeichnung der von einem regenbogenfarbigen Kranz umrahmten Kreuze von Golgota, die den drei überlebenden Bergsteigern nach dem Unglück erschienen waren. Dabei handelte es sich allerdings nicht um Golgota, sondern um das sogenannte Brockengespenst, einer Schattenbildung im Nebel, benannt nach einem sagenumwobenen Berg in Deutschland, wo sie besonders oft beobachtet wird.

Für mich selbst stand eine Besteigung des Matterhorns damals noch nicht auf dem Programm, aber ich führte im Herbst 1964 mit drei Freunden eine Überschreitung des Ortlers durch, über den Hintergrat hinauf und den Normalweg hinunter - und dabei sah ich erstmals das besagte "Gespenst".

Von unbeschreiblichem Auftrieb erfüllt, starteten wir in der Hintergrathütte früher als die anderen Gruppen, und so standen wir schon um 9 Uhr auf dem Gipfel – welch ein Erlebnis! Und während nach und nach über die Normalroute am Gipfel weitere Bergsteiger eintreffen, sehen wir unten am Hintergrat jene Alpinisten aus Bozen und Innichen aufstiegen, die wir am Vorabend kennengelernt hatten. In ein bis zwei Stunden werden wohl auch sie den Gipfel erreichen – denken wir. Aber es kommt anders.

Über die Normalroute steigen wir ab. Ich fotografiere dabei im Rückblick den mächtigen Ortlergletscher mit der strahlenden Sonne darüber, doch plötzlich steht eine Nebelwand vor uns, und in dieser Wand ein farbiger Kranz mit schemenhaft erkennbaren Gestalten in der Mitte.

Die Kreuze von Golgota? Das Brockengespenst? Wie damals bei Whymper am Matterhorn? Ein Omen für ein bevorstehendes Unglück?

Nein, es war kein Gespenst und es waren nicht die Kreuze von Golgota, sondern schlicht nur unsere eigenen Schatten in der Nebelwand mit einer Art Regenbogen rundherum.

Ich schieße rasch ein Foto, Sekundenbruchteile später ist der Spuk vorbei, der Nebel verschwindet so schnell wie er gekommen ist. Dann frohgemut hinab zur Payerhütte und nach Sulden. Es ist früher Nachmittag und voller Freude schauen wir hinauf zum immer noch wolkenfreien Ortler, bevor wir heimfahren.

Doch am nächsten Tag berichten die Medien, dass zwei der erwähnten Bergsteiger, die wir in der Hintergrathütte kennengelernt und dann am Hintergrat höhersteigen gesehen hatten, unter dramatischen Umständen ums Leben gekommen waren.

Was war geschehen?

Die sieben Alpinisten - die zahlenmäßige Parallele zu den Alpinisten am Matterhorn ist natürlich reiner Zufall - hatten erst am späten Nachmittag den Gipfel erreicht. Dieser war in dichten Nebel gehüllt, es hatte zu schneien begonnen. So fand die Gruppe auf dem flachen Gletscherplateau die Abstiegsroute nicht mehr und entschloss sich, in einer mit den Pickeln ausgehackten Eisgrube zu übernachten.

Doch in jener dramatischen Nacht vom 20 auf den 21. September 1964 klarte es plötzlich auf, klirrende Kälte umfing die Bergsteiger, und in der Folge erfroren zwei von ihnen - ein fünfzigjähriger Mann aus Bozen und ein fünfzehnjähriger Junge aus Innichen, jener Franzi Ortner, der zwei Tage zuvor mit mir von der Hintergrathütte aus den Cevedale im letzten Sonnenlicht fotografiert hatte.

Nie werde ich die Verzweiflung seiner Eltern am offenen Grab in Innichen vergessen. 

Und die Erscheinung im Nebel? War sie also doch ein böses Omen?

In gewisser Weise ja. Denn mit den bei unserem Abstieg erst sporadisch auftauchenden Nebelschwaden bahnte sich jener Wettersturz an, der den Tod der beiden Bergsteiger zur Folge hatte.

Ich bin dem Brockengespenst im Laufe der Jahrzehnte noch öfters begegnet, aber einen Zusammenhang mit einem Unglück gab es gottlob nie mehr. Doch jetzt, wenn viel von den Ereignissen am Matterhorn vor hundertfünfzig Jahren die Rede geht, erwacht wieder die Erinnerung an meine erste Begegnung mit dem Nebelbild und an die Katastrophe am Ortler vor gut fünfzig Jahren - Erlebnisse, die mir die Schönheiten, aber in besonderer Deutlichkeit auch die Gefahren am Berg vor Augen geführt haben.

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