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Sentres Magazin – Geschichte & Kultur

Alm-Kultur kontemporär

Im sonst so traditionsbewussten, urigen Ahrntal wagt ein Hüttenwirt ein ganz besonderes Projekt: eine Veranstaltung voll Kreativität und Avantgarde.

Zur Zeit der Romantik entdeckten Bergsteiger, Heimatforscher, Künstler und erholungsbedürftige Großstädter die Alm. Die Alm als Projektion einer heilen Welt. Die Alm als vollkommenes Gegenstück zum bürgerlichen Leben inmitten wachsender Industrialisierung. Und bald schon malten Werbebotschaften ohne Unterlass Klischees in Köpfe. Standardisierte und idealisierte Bilder, die sich gegen jede Art von Veränderung und zeitgemäßer Anpassung sträubten; mit denen auch heute noch geworben wird. Meistens jedenfalls.

Man stelle sich eine Almhütte vor. Bild vor Augen? Gut. Nun streiche man aus eben diesem Bild den blauen Schurz des Hüttenwirts, die traditionellen Speckknödel mit Gulasch, den Bärtigen mit der Ziehharmonika – kurzum alle Klischees. Die so entstandenen Lücken fülle man nun mit einer ordentlichen Portion Kreativität und Avantgarde, einer Prise verspielter Experimentierfreudigkeit und Mut zu Differenzierung. Voilá: die Schwarzbachalm bei Luttach im Ahrntal.

„Man kann auch ohne die ewigen Klischees sein Geld verdienen“, meint Helmuth Fuchs, der Hüttenwirt, und wagt mit seinem „Kulturstadl“ eine poetische, musikalische, kulinarische, doch vor allem eine untypische kulturelle Veranstaltung.

Ich fand mich wieder inmitten der kühnen Ahrntaler Bergriesen. Schon hielt ich das Glas Verduzzo in der Hand, probierte von beinah künstlerisch auf Tellern geschichteten lukullischen Besonderheiten, sog würzige Almluft tief und tiefer in meine Lungen. Ich lauschte den Klängen von Dudelsack und Gitarre, beobachtete das letzte Fleckchen Sonne am Gipfel gegenüber, wie es stetig schrumpfte und schließlich ganz verschwand. Eine überraschend harmonische Kombination. Ungewöhnlich. Gut.

Die Gästegruppe bewegte sich Richtung Stadl. Nicht „Heu-„ sondern „Kulturstadl“ stand da in gusseisernen Lettern an der Bretterwand. Heimelig knarrte der Boden unter meinen Füßen. Pssst, leise, leise. Denn im schummrigen Licht der Kerzen wirkten die bizarren, skurrilen, metallisch schimmernden Skulpturen des Künstlers Ashter Sheran wie lebendig. So, als könnten sie jeden Augenblick aus ihrem Schlaf erwachen, zucken und davonhuschen.

„Prosa“, so begann der Innsbrucker Autor Karl Auer seine Lesung, „Prosa ist eine Idee, die in eine Geschichte gepackt wird.“ Und schon geleitete er die Zuhörer in seine ganz persönliche Welt der Worte; beschenkte sie mit fantastischen Geschichten und profunden Gedankengängen.

Herman Kühebacher, Toni Taschler und Eduardo Rolandelli der Gruppe Titlá spielten Uriges, Inniges, mal ruppig, mal sanft, entlockten ihren Instrumenten irische, jiddische, keltische Klänge und erzählten singend. Sehnsüchtige Lieder. Wohltuende Melancholie.

Das ist zeitgenössische Alm-Kultur; die Almwirtschaft auf ihrem Weg in die Moderne.

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